Napoleon’s Russland Feldzug 1812 und Graf Casimir von Gravenreuth

Bayern wird ab 1806 Königreich -von Napoleons Gnaden. Mit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wird das Churfürstentum zum Königreich erhöht. Damit verbunden die Pflicht im neuen Rheinbund eine militärische Beistellung zu leisten.

"Chronik eines Desasters"

1811 ruft Napoleon den „Bündnisfall“ im Feldzug gegen Russland auf, Bayern stellt 30.000 Soldaten mit entsprechenden 6.000 Pferde und 60 Kanonen der „Grande Armée“ bei.

Der junge Artillerie Hauptmann Graf Casimir von Gravenreuth

Carl Ernst, Franz und Casimir – drei Brüder aus dem dann gräflichen Hause von Gravenreuth dienen dem pfälzisch-wittelsbacher Churfürsten und späterem König Maximilian I Josef in herausgehobenen Stellungen. Freiherr Carl Ernst von Gravenreuth ist ganz wesentlich am Brünner Vertrag beteiligt, was zu wesentlichen Gebietsgewinnen führte und die bayerische Königswürde mit sich brachte.

Graf Casimir von Gravenreuth schlägt jedoch dann die Laufbahn eines bayerischen Offiziers ein und zieht als Hauptmann und Batteriekomandant der Artillerie die Schlachten in der Ferne. Am Ende seiner aktiver Militärzeit wird er den Rang eines Generalleutnant inne haben.

Über die Erlebnisse im Jahr 1812 und 1813 im Feldzug nach Russland schrieb Graf Casimir von Gravenreuth ein (bzw. drei) Tagebücher und so sind uns seine persönlichen Eindrücke und die Leiden überliefert.

 

Die „Grande Armée“ zieht 1812 mit über 600.000 Soldaten nach Littauen

Wie in vielen früheren und allen späteren Feldzügen in Europa, gleich wer gegen wen ins Feld zieht, herrscht Euphorie und viel Zuversicht unter den Soldaten und Offiziere.

Die Autorin Suzane Freifrau von Seckendorf hat das Tagebuch des Grafen, der sich mit seiner Artillerie Batterie große Anerkennung beim General Deroy und General Wrede erwirkt hat. Ruhm, Macht und Glanz im Schatten von Napoleon bestimmt die geschriebenen Zeilen des jungen Grafen mit dem Stammsitz im bayerisch-schwäbischem Affing.

 

Die bayerische Armee verliehrt 30.000 Soldaten

Der bayerische König stellt ein Kontingent von 30.000 Soldaten, später kommen noch 2.700 Soldaten Ersatz hinzu. Von den 32.700 Soldaten kehren 30.000 Soldaten nicht mehr in die geliebte Heimat. Fast alle Pferde und die Geschütze bleiben im Felde – das Bündnis mit Napoleon wurde für den König und die Soldaten teuer erkauft.

Die Soldaten und Offiziere kämpfen gegen die Kälte, Krankheiten, Hunger, Ungeziefer, gegen Schlamm, Hochwasser und Trockenheit. Die wenigsten kommen in den eigentlichen Schlachten zu Tode. Der Graf schildert das Leiden und die Qualen der Soldaten eindringlich.

 

Graf Casimir von Gravenreuth kommt aus dem Feldzug zurück, verliehrt seinen Bruder Franz

Der Feldzug der Grande Armée ist schlecht geplant, mangelhaft durchgeführt und eigentlich niemals erfolgreich abschließbar. Ab 5. Dezember 1812 verlässt Napoleon den Schauplatz und eilt nach Frankreich zurück, um die nächste Grande Armée auszugeben. Der Rest der Armee macht sich auf den Rückweg.

Der Rückzug gerät aus Mangel an Allem zu einer unkoordinierten Flucht in die Heimat. Ohne Waffen, ohne Pferde, ohne Fuhrwerke – nur noch das eigene Leben und das einiger Kameraden im Sinne geht der Kampf Monate Richtung Heimat. Das Ziel werden nur wenige erreichen. Graf Casimir von Gravenreuth trifft auch in Russland auf seinen geliebten Bruder Franz mit seiner eigentlich überschaubaren Schußverletzung. Der Mangel und der ausgezehrte Körper konnte den Anforderungen nicht mehr bestehen.

Die Autorin Suzane Freifrau von Seckendorff schilder daher auch das Leben des Grafen Franz von Gravenreuth bis zu seinem Tod in den Armen des Casimir.

Diese und viele anderen für den Leser wertvollen Informationen vervollständigen den Blick zurück in die Zeit vor 200 Jahren im Blickwinkel einer oberbayerisch-schwäbischen Adelsfamilie.

 

Fotografien aus dem Schloss Affing und dem Familienarchiv

Zur Ergänzung der historischen Tagebucheintragungen und deren Ergänzungsinformationen wurden in das Buch Fotografien von zeitgenössischen Dokumenten und Artefakten aus dem Familienarchiv der gräflichen und freiherrlichen Familie von Gravenreuth im schloss Affing.

Ein herrliches Erlebnis, fotografisch 200 jahre in die Vergangenheit zu gehen und diese Artefakte zu fotografieren und in dieses hochwertige Buchprojekt zu integrieren.

 

Tagebuch ergänzt um wertvolle Umfeldinformationen

Ein Tagebuch ist i.d.R. eine ganz persönliche Sicht des Schreibers und eigentlich nicht zur Veröffentlichung geeignet. Erst mit notwendigen Umfeldinformationen und einer geschichtilen Einordnung werden die Tagebucheintragungen sinnvoll und lesbar. Der Autorin Suzane Freifrau von Seckendorff ist es in hervorragender Weise gelungen, diese anspruchsvolle Thematik auch für Nichtexperten, für Nichthistoriker, für Nichtmilitärs lesbar und lesenswert zu gestalten. Die persönliche Leidensgeschichte des Grafen Casimir von Gravenreuth in den 12 Monaten des Feldzuges bringt dem Leser diesen politischen Wendepunkt der europäischen Geschichte im 19. Jahrhundert eindringlich nahe.

 

Krieg im 19. Jahrhundert – was war die Wirkung

Die Grande Armée schleppt sich als geschlagenes Heer, in Lumpen gepackt, fern von dem Glanz einer kaiserlichen Armee, von militärischen Orden und Rangabzeichen zurück in die Heimat. Von den ca. 33.000 bayerischen Soldaten kommen weniger als 3.000 in der Heimat wieder an. Im Jahr 1813 trennt sich Bayern in dem Vertrag von Ried (8. Oktober 1813) aus der Allianz mit Napoleon und kämpft in der Völkerschlacht bei Leipzig (16. bis 19. Oktober 1813) gegen den früheren Waffenbruder des Russland Feldzuges 1812/1813. Welch Irrsinn.

Möge das Tagebuch auch für die heutige Generationen, 
über hundert Jahre nach dem Russland Feldzug Mahnung 
sein und die Augen für die Wirkung des Krieges öffnen.

Als Leser kann man das Geschehene kaum begreifen. Die Jahrzehnte danach hat sich an der Erkenntnis nichts durchgesetzt. Die Kriege wurden immer grausamer, die Wirkung des Krieges immer vernachlässigbarer.