Auf dem Schlosshof Affing stehen an diesem Septembertag beim Oldtimer-Treff Hunderte Fahrzeugikonen aus vielen verschiedenen Jahrzehnten – alle herausgeputzt und frisch poliert. Das fotografische Auge wandert zwischen den vielen Limousinen, Zweirädern, Traktoren und sonstigen Gefährten umher. Der Blick gleitet über die lackierten Oberflächen, bleibt an den Chrom-Zierleisten hängen und hüpft weiter zu den Schriftzügen, Markenemblemen und weiterem Zierrat.
- Welche Details soll ich mir anschauen?
- Und welche Details sind es nun wert, auf analogem Film festgehalten zu werden?
Die Details erzählen viel aus der jeweiligen Zeitepoche, in der das Fahrzeug auf den Markt kam. Meistens waren sie völlig unpraktisch. Sehr oft haben sie das Fahrzeug in der Produktion teurer gemacht. Aber schön waren viele dieser Elemente auch aus heutigem Blickwinkel. Sie schufen ein ganz eigenes Bild und einen unverwechselbaren Charakter für das jeweilige Fahrzeug – etwas, das im Gedächtnis blieb, auch wenn der Wagen schon längst um die nächste Ecke gebogen war. Ohne den Fokus auf diese Details fehlt der emotionale Zugang zu einer solchen Ausstellung. Erst der genaue Blick bringt die wahre Authentizität.
Eine These braucht eine Antithese, um glaubwürdig zu sein
Ein ganz spezielles Fahrzeug stand auf dem
Schlosshof, das fast unscheinbar wirkte und so gar nichts von den
chromblitzenden Edellimousinen aus sieben Jahrzehnten an sich hatte: ein
Grubenentleerwagen.

Ich kannte diese Fahrzeuge noch aus meinen Kindheitstagen. Zweimal im Jahr kam der Grubenentleerer und pumpte die Abwassergruben aus, bevor die Häuser an die Kanalisation angeschlossen wurden. Alles, was im Haushalt anfiel und heute unsichtbar im Kanal verschwindet, sammelte sich damals in der Versickerungsgrube vor dem Haus. Bei einem Wetterwechsel roch man das meistens schon, bevor der Wetterbericht vage etwas über ein aufziehendes Gewitter berichten konnte.
„Das Wetter wird umschlagen, die Grube stinkt wieder“, hieß es dann.
Und die logische Konsequenz für uns als Kinder:
„Dann spielen die Kinder halt heute nicht auf dieser Seite des Hauses!“
Jetzt steht so ein Grubenentleerer in einem perfekten Restaurierungszustand vor mir – mit vielen Details liebevoll verfeinert und authentisch in seine Zeitepoche zurückversetzt. Und siehe da: Auch an solch einem Nutzfahrzeug-Oldtimer gibt es jede Menge zu entdecken. Zum Beispiel auf der Motorhaube (siehe Titelbild), wo die kraftvolle, historische Werbung von VEEDOL prangt.

Der maximale Kontrast: Warum Chrom für Schwarzweiß gebaut wurde
Ich nehme Sie nun fotografisch mit auf meinen Streifzug nach den besonderen Details in dieser Oldtimer-Landschaft. Dabei spielt der Übergang zur Schwarzweißfotografie eine entscheidende Rolle in der Wahrnehmung der jeweiligen Grafik.
Bis in die 1970er-Jahre des letzten Jahrhunderts hinein wurden Fahrzeuge im Design ganz bewusst auch auf die Werbung in Schwarzweißmedien ausgelegt. Zeitungen, Magazine und Prospekte kamen oft ohne Farbe aus – sehen Sie dazu meine einleitung im ersten Beitrag mit dem Wartezimmer beim Arzt.
Und dennoch musste das Fahrzeug sofort einen maximalen Wiedererkennungseffekt besitzen. Stellen Sie sich das heute einmal vor! Damals wurden mit Chromkanten, Linien und Logos gezielt Akzente gesetzt, die einen maximalen Helligkeitskontrast in der Wiedergabe ermöglichten. Der Verlust der Farbinformation auf dem Ilford DELTA 100 legt diese gestalterische Ur-Absicht der Designer wieder perfekt frei.
Schauen wir uns einige Beispiele an, die stellvertretend für so viel mehr stehen:
Kategorie 1: Markenzeichen, Firmennamen und Fahrzeugbezeichnungen
Die Logos und Schriftzüge sind zu allen Zeiten die Ikonen der Markenwerbung gewesen. Das Fahrzeug sollte zweifelsfrei mit den Werten der jeweiligen Manufaktur verbunden werden. Die Gestaltung war sehr oft von bestem Design gekrönt – was auf die Blechkleider selbst nicht immer im gleichen Maße zutraf. Manchmal war wenigstens das Logo schön!
Dann fange ich gleich einmal mit einem der schönsten und elegantesten Automobile an, die je von Menschenhand geformt wurden. Von diesem Meisterwerk wurden weltweit insgesamt nur 36 Exemplare gebaut. Dieser Alfa Romeo steht nach einem weiteren Nachmittagskaffee bei der Bäckerei Schneider vollkommen unvermittelt vor mir. Tiefes Dunkelblau (so sieht die Nacht aus), Chrom und der Schriftzug:
Superleggera.
Nicht lange nachdenken beim Fotografieren, eine einmalige Situation löst sich schnell auf und kommt dann nie wieder zurück. Das Bildmotiv ist sowas von Storytelling und super-ikonisch. Mit dem OM Zuiko 180 mm f/2.8 lässt sich das Bildmotiv so freistellen, dass die Spiegelungen auf den runden Kotflügeln ganz herrlich mit den überreichen Chromapplikationen kontrastiert.
Alfa Romeo 6C 2500 SS Villa d’Este
Ein weiteres Emblem ist mir im besonderen Maße aufgefallen: Es zierte eine historische Ducati-Maschine.
Hinzu kommt der polierte Tank und die wunderbare Führung des Auges zwischen dem Lenker, dem Kupplungshebel und dem linken Rückspiegel. Solche Details fallen der aufmerksamen BesucherIn bei genügend Zeit und Muße unmittelbar ins Auge. Die Fotografie möchte in einer Geschichte über diese Veranstaltung genau dieses Gefühl des Entdeckens durch messerscharfe eigene Beobachtung wieder erzeugen.
Kategorie 2: Die Front des Fahrzeuges mit seinem individuellen Gesicht
Wenn wir mit Ikonen beginnen wollen, kommen wir um den VW Käfer einfach nicht vorbei. Nun ist solch ein vertrautes Massen-Automobil fotografisch gar nicht so einfach in einer Geschichte umzusetzen. Bei fast allen Betrachtern weckt ein Käfer sofort eigene Erinnerungen an die Jugend oder die Studentenzeit.
Wie will ich dagegen fotografisch einen Akzent setzen?

Es wurden so viele VW Käfer produziert, dass es sehr wahrscheinlich ist, gleich mehreren Vertretern auf einmal zu begegnen. Also nutze ich ein starkes gestalterisches Mittel: die Reihung und die Perspektive.
So wie man es als FotografIn einfach auch immer machen kann:
Mit einer passenden Perspektive und dem passenden Fokus.
Hier stehen gleich mehrere VW Käfer in einer schönen Reihe – einer neben dem anderen. Wiederholung ist ein mächtiges Werkzeug, um die Wirkung auf den Betrachter aktiv zu steuern. Erneut kommt hier mein OM Zuiko 180mm f/2.8 zum Einsatz und holt das Blitzen des Chroms durch die optische Stauchung vielleicht sogar noch etwas strahlender hervor, als es vor Ort wirkte.
Die Rüsselsheimer Design-Evolution: Rekord P1 und Rekord A
Wenden wir uns zwei weiteren Nachkriegsikonen fotografisch zu, diesmal aus dem Hause Adam Opel. Hier lässt sich die Evolution des Designs fantastisch beobachten.
Da ist zum einen der Opel Rekord P1 (gebaut von 1957 bis 1960), den ich mit dem 16mm Fisheye fotografiert habe. Er trägt den Namen „Panorama-Rekord“ vollkommen zurecht aufgrund seiner extrem weit in die Flanke hineingewölbten Panorama-Frontscheibe, die damals stark von General Motors und den amerikanischen Cadillac-Modellen inspiriert war.
Das Gesicht mit der breiten Haubenwölbung und der tiefen Kühlermaske zieht sich durch die Fisheye-Verzeichnung imposant um den Betrachter herum.
Nur ein paar Schritte weiter zeigt sich der Nachfolger: der Opel Rekord A (1963–1965). Hier ist der Panorama-Look der 50er-Jahre komplett verschwunden. Die Linien, die direkt aus dem GM-Design-Center in Michigan stammten, sind geradlinig, kantig, fast schon vernünftig. In Schwarzweiß entfaltet diese schnörkellose Front eine ganz eigene, fast grafische Strenge, bei der die horizontalen Chromlinien des Grills perfekt mit dem weichen Licht des bedeckten Himmels harmonieren.
BMW 625 CSi E24
Ein Klassiker ganz anderer Kragenweite ist der BMW 635 CSi aus den 80er-Jahren mit seiner typischen, aggressiven „Haifisch-Schnauze“. Das Auto war designmäßig so eigenständig, dass es die darauffolgenden BMW-Modellreihen über Jahre bestimmt hat. Wenn man nur eine kleine Ecke dieses Coupés sieht, erkennt man zweifelsfrei eines der schönsten Automobile dieser Epoche.
Ich bin ja selbst ein ganz klein wenig befangen: Mit 19 Jahren hatte unser örtlicher BMW-Händler ein Jubiläum zu feiern. Damals gab es tatsächlich noch Probefahrten für junge Leute – und ja, ich durfte als 19-jähriger einen solchen 6er probefahren! Es war nicht irgendeiner, sondern der legendäre M635 CSi mit 286 PS und dem berühmten M1-Reihensechszylindermotor. In meinen automobilen Träumen war dieser Wagen ganz, ganz weit oben angesiedelt. Das OM Zuiko 50mm f/1.4 isoliert diese historischen Linien heute mit genau der Eleganz, die ich damals als Teenager gespürt habe.
Kategorie 3: Die Zweiräder als Oldtimer
Gleich beim Eingang war eine Fläche den kleinsten Motorrädern reserviert- Alles vom Moped und Mokick aufwärts zu den agressiven 50er Kleinkrafträdern bis zu den gesitteteren 80ern – den Leichtkrafträdern.
Da stehen die Träume meiner eigenen Jugend – obwohl ich mit 16 Jahren das noch verkeifen konnte. Und da steht sie auch, eine Zündapp KS 80 mit Vollverkleidung, so kommen wir auch zu unserem Z im Alphabet.
Filigrane Speichen, freiliegende Technik und die pure Mechanik von Motoren und Tanks bieten dem Zuiko-Glas wunderbare Texturen. Beim Schlendern durch die Reihen wird schnell klar: Ein Motorrad-Klassiker reduziert die Mobilität auf das Wesentliche. Hier gibt es keine versteckende Karosserie. Jede Kühlrippe, jeder Bowdenzug und jeder Benzinhahn wird im kontrastreichen Wechselspiel des Ilford DELTA 100 zu einer eigenen kleinen grafischen Entdeckung.
Als drittes Beispiel zeige ich Ihnen etwas ganz anderes – ein altes Motorrad. Bei dem war wir die Marke und der Typ nicht wichtig. Ich habe mich in die Ästhetik der Formen, des Metalls und die Schönheit des Motors verguckt – dieser muss aus optischen Gründen nicht unter Plastik versteckt werden.

Nachdem wir unseren Blick für die filigranen Kunstwerke geschärft haben, wird es Zeit, wieder etwas Dynamik in die Geschichte zu bringen. Denn ein Oldtimer-Treffen ist keine statische Ausstellung – im nächsten Kapitel bringen wir Bewegung ins Spiel und widmen uns der Action auf dem Platz.
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